No Sex, no Drugs, no Rock'n Roll:
Dr. Volker Gassmann ist deutscher Amateurmeister 2006!
Das
überwiegend von der Ramada-Hotelgruppe gesponserte Turnier heißt auch "5 hoch 3 Cup": Es wird in 5 Wertungsgruppen mit 5 Vorrunden gespielt, bei denen jeweils die ersten 5 jeder Gruppe ins Finale kommen, also genau 5 x 5 x 5 Spieler. Insgesamt nahmen in diesem Jahr mehr als 1500 Spieler an den 6 Turnieren teil. Ich spielte in der höchsten Wertungsgruppe A ( 2101 - 2300), wo ich mich in der Vorrunde in Bad Soden mit einem 2. Platz für das Finale in Halle qualifiziert hatte. Sowohl bei den Vorturnieren als auch beim Finale werden 5 Partien nach Schweizer System in 3 Tagen gespielt. Es wurde gespielt mit der neuen FIDE-Bedenkzeit von 90 min für 40 Züge, wobei man pro Zug 30 Sekunden zu seiner Bedenkzeit dazu bekommt. Halle feiert in diesem Jahr übrigens sein 1200-jähriges Jubiläum und ist sicher eine Reise wert. Das Ramada-Hotel wurde jedoch "auf der grünen Wiese" außerhalb der Stadt errichtet, so dass ich - zumal ich mit der Bahn angereist war - keine Chance hatte außer Schach noch etwas anderes zu machen.
Nun aber zum Turnier: Die erste Partie gegen den jungen Robin Stellwagen - nicht verwandt mit GM Daniel Stellwagen - war fürchterlich: Nach an sich harmloser Abtausch-Variante in der Aljechin-Verteidigung spielte ich mehrere schwache Züge und landete in einem hoffnungslosen Endspiel. Glücklicherweise verpatzte mein Gegner die Stellung zu einem Remis. In der nächsten Runde patzte mein Gegner in der Tschigorin Verteidigung des Damengambits mit 4. … Lg4. Obgleich ich einen möglichen Figurengewinn aus Angst vor einem Trick ausließ erhielt ich großen Entwicklungsvorsprung. Durch frühzeitigen Damentausch war die Sache aber noch nicht leicht - bis mein Gegner einzügig eine Figur einstellte und dann sofort aufgab.
In der 3. Runde folgte einer meiner besten Partien in den beiden Turnieren. In der langweiligsten Variante der Aljechin-Verteidigung waren bereits nach 7 Zügen Damen und ein Springerpaar getauscht. Durch kleine Ungenauigkeiten erhielt ich aber etwas Entwicklungsvorsprung, den ich in ein etwas besseres Endspiel umwandelte. Nach langen Manövern mit beiderseitigen Fehlern schien ich mit einem Freibauern auf der Siegesstraße, aber mein Gegner verteidigte sich geschickt und es entstand ein Endspiel 3Bauern + Läufer gegen 2 Bauern + Turm welches objektiv Remis war. In Zeitnot spielte Weiß aber zu scharf auf den Vormarsch seiner Freibauern und ich gewann. Nach 3 Runden hatten noch 3 weitere Spieler 2,5 Punkte und ich hatte mit Abstand die schlechteste Buchholz-Wertung.
Die 4. Partie mit Weiß gegen Sebastian Gramlich (Sieger in Bad Soden) war meine spektakulärste Partie beim Finale. Bereits zum 4. Mal bei der Amateurmeisterschaft wurde gegen mein d4 die Tschigorin-Verteidigung gespielt - inzwischen kann ich sie so gut, dass ich mit dem Gedanken spiele, sie mal mit Schwarz zu versuchen! Hier wurde eine Hauptvariante gespielt, die dem Weißen das Läuferpaar und ein starkes Zentrum aber auch einen Doppelbauern auf f3 gibt. Mein Gegner griff im 11. Zug fehl und erlaubte den Damentausch in ein für Weiß sehr günstiges Endspiel. Ich übersah jedoch ein Springermanöver meines Gegners, sah meinen Vorteil schwinden und entschloss mich zu einem Qualitätsopfer, welches ich durch einen Fingerfehler in der falschen Zugfolge ausführte. Zum Glück war die Stellung noch nicht völlig verloren und bald machte sich auch die Zeitnot bei meinem Gegner bemerkbar. So landeten wir in der abgebildeten Stellung in der Weiß 2 Bauern für die Qualität hat, aber offenbar bald seinen Ta1 für den Bauern auf a2 geben muss. Mit dem schönen Zug Lc5+ hätte Weiß gewinnen können, statt dessen folgte Ta2x Ta2x Lc5+ und hier hätte Schwarz das Spiel ausgleichen können.
Schließlich entstand - nach zahlreichen weiteren Fehlern - das abgebildete Endspiel, in dem Weiß Glück hat, dass er seinen Mehrbauern halten kann. In der Folge konnte ich Schwarz, der versucht hatte eine Festung zu errichten, austempieren.
Damit war alles zum Showdown in der letzten Runde bereits: Tsung Chen und ich hatten 3,5 Punkte und damit einen ganzen Punkt Vorsprung vor der Konkurrenz. Da ich die schlechtere Buchholz-Wertung hatte musste ich gewinnen und zum Ausgleich hatte ich wieder Weiß. Schwarz spielte Nimzowitsch-Indisch und zwar die - wie ich hinterher feststellte - bereits aus der Partie Winter gegen Capablanca bekannte Variante mit b6, Se4 und f5. Wie üblich erhielt ich das Läuferpaar bei verdoppeltem c-Bauern. In dem komplizierten Mittelspiel spielte mein Gegner in praktisch jedem Zug anders als ich erwartet hatte und driftete nach und nach in eine immer passivere Stellung, die allerdings noch recht widerstandsfähig war.
In der abgebildeten Stellung beging er dann mit Tab8 anstelle von Sbd8 den entscheidenden Fehler (bc5x ging nicht wegen d5). Es folgte 25. d5 La4 26. c6 Sc5? 27.cxd7 und Weiß gewann eine Figur.
Ich gewann schnell und hatte mit 4,5 aus 5 Partien den alleinigen 1. Platz. Der Vorsprung von 1 Punkt vor 4 Spielern mit 3,5 Punkten war zwar angesichts der glücklichen 1. und 4. Partie etwas hoch, aber insgesamt hatte ich nicht nur im Mittelspiel, sondern ausnahmsweise auch in Eröffnung und Endspiel besser gespielt als meine Gegner.
Ich kann dieses Turnier besonders jungen Spielern und Berufstätigen nur wärmstens empfehlen: Unterbringung und Atmosphäre sind gut und durch die 5 Leistungsgruppen hat jeder die Chance in seiner Gruppe oben mitzuspielen: etliche der jungen Spieler in der A-Gruppe hatten vor 5 Jahren noch in der E-Gruppe gespielt. Mein Ziel ist es jedenfalls, die 2300-er Rating-Grenze vorerst noch nicht zu knacken, damit ich nächstes Jahr noch mitspielen kann - vielleicht kommt ja jemand mit!
Noch während der letzten Runde startete eine Simultanvorstellung von Elisabeth Pähtz, aber da ich mein soeben erworbenes Renommee nicht aufs Spiel setzen wollte verzichtete ich auf den Start. Nach Siegerehrung und Festbankett besuchte ich erstmals die Hotelbar - während des Turniers galt für mich die Devise "no sex, no drugs, no Rock'n Roll" - schließlich galt es nicht nur meinen Sieg, sondern auch in meinen Geburtstag hineinzufeiern.
Volker Gassmann
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