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Bundesliga: Schach ist ein Glücksspiel!

Schach verkehrt in der fünften Doppelrunde

Professor Dr. Jürgen Henningsen hat es schon immer gewusst: Der leider zu früh verstorbene Hochschullehrer, der das Schachspiel noch bei Friedrich Sämisch in Kiel erlernt hatte, schrieb schon 1980 in der allerersten SFK - Bundesligabroschüre einen Artikel unter der provokativen Überschrift "Schach - ein Glücksspiel!" Was sich am letzten Doppelspieltag der Bundesliga an den SFK-Brettern abspielte, hätte ihm als eingefleischtem Katernberger zwar ebensolches Herzflattern verursacht wie den Spielern und mitgereisten Schlachtenbummlern; als Wissenschaftler allerdings hätte er die Ereignisse sicher als Beweis seiner kühnen These angesehen. Doch der Reihe nach:

Es ist wie verhext: Gegen die SG Porz will den Sportfreunden Katernberg in der Schach-Bundesliga kein Sieg mehr gelingen. Am Samstag bezwang der zehnfache Deutsche Meister in Köln die Essener deutlich mit 6:2, doch das klare Resultat täuscht diesmal mehr denn je. Obwohl die Kölner mit acht Großmeistern angetreten waren (bei SFK waren es fünf), schien noch nach vier Stunden ein SFK-Sieg oder doch wenigstens eine Punkteteilung durchaus denkbar. Es kam jedoch anders.

Vladimir ChuchelovDer Reihe nach: In der 4. Spielstunde schockte GM Vladimir Chuchelov seine Mitspieler. Gegen den wegen seiner überragenden Resultate "Mr. Bundesliga" genannten Rafael Vaganian vergab er in der Zeitnotphase den greifbaren Gewinn und überschritt nach einem durchaus abwehrbaren Konter im 40. Zug die Zeit. Kurze Zeit später gab GM Leonid Kritz gegen den Weltklassespieler Loek van Wely wegen eines unvermeidbaren Dauerschachs sein Spiel remis. Für den Ausgleich sorgte GM Andrei Volokitin am Spitzenbrett. Die SFK-"Wunderwaffe" hatte sich auf Christopher Lutz, die langjährige Porzer Nr. 1, zwar versehentlich mit den "falschen Farben" vorbereitet, doch das tat seinem Siegeswillen keinen Abbruch. In einem Najdorf-Sizilianer ging er gewohnt scharf gegen den gegnerischen König vor, verschmähte das "Versöhnungs-Qualitätsopfer" des Kölners und knackte die gegnerische Stellung, in dem er selbst die Qualität "ins Geschäft steckte". Volokitin hat nach drei Bundesliga-Jahren gegen Lutz eine Bilanz von eindrucksvollen 2,5:0,5 Punkten.

Igor GlekNach der ersten Zeitkontrolle standen die Chancen für SFK ausgezeichnet. Die beiden letzten Spielstunden des Kampfes wurden jedoch - aus SFK-Sicht - zu einem Horrortrip. IM Sebastian Siebrecht hatte Curt Hansen einen tollen Kampf geliefert und eine mindestens gleichwertige Stellung erspielt, als er einen Bauern einstellte, den der clevere Däne nicht mehr hergab. Als der an den Rand gedrängte König des Katernbergers im Mattnetz zappelte, gab Siebrecht auf. In der Zwischenzeit hatte IM Matthias Thesing gegen Edwin Kengis im Vertrauen auf seinen starken Läufer ein chancenreiches Qualitätsopfer gebracht. Doch der Lette verteidigte sich gut und erreichte eine Remisstellung, die Thesing am Ende sogar noch zum Verlust verspielte. Auch GM Igor Glek hatte - gegen Alexander Graf - die Qualität geopfert und wurde als Sieger gehandelt. Eine tolle Verteidigungsleistung des Porzers ließ die Partie jedoch "kippen". Glek ärgerte sich später beim Mannschaftsessen darüber, dass er ein womöglich noch chancenreicheres Figurenopfer ausgelassen hatte. Kurz danach musste auch GM Erwin L'Ami kapitulieren. Gegen den WM-Kandidaten Mikhail Gurevich war er in einem Turmendspiel mit beiderseitigen Freibauern gelandet, in dem sich die des Belgiers als stärker erwiesen.

Georgios SouleidisDen Schlusspunkt setzte IM Georgios Souleidis, der gegen den Porzer Leistungsträger Erik van den Doel ein leicht gewinnbares Leichtfigurenendspiel erreicht hatte. Anstatt mit einfachen Zügen den vollen Punkt einzufahren, verhaspelte sich der Katernberger Grieche und schenkte seinem holländischen Rivalen das glückliche Remis. Zu diesem Zeitpunkt war der Kampf für SFK allerdings ohnehin bereits verloren.

Auch der 2. Spieltag des Bundesliga-Wochenendes war nichts für schwache Nerven. Dass die Punkte im Kampf gegen den Godesberger SK am Ende an die Sportfreunde Katernberg gingen, hatte im Lager der Essener in der letzten Spielstunde kaum noch jemand für möglich gehalten.

Sebastian SiebrechtDabei hatte SFK einen Bilderbuchstart hingelegt. IM Sebastian Siebrecht- widerlegte einen ungenügend vorbereiteten Bauernvorstoß von IM Florian Grafl mit einer spielentscheidenden Opferattacke im Zentrum und sicherte sich mit einem unwiderstehlichen Freibauern den Sieg. Nur wenig später erhöhte Leonid Kritz auf 2:0. Auch ihm verhalf ein Freibauer gegen seinen Großmeisterkollegen Florin Jenni zum frühen Gewinn. Es folgte ein Remis von IM Matthias Thesing, der zuvor mit dem Feuer gespielt hatte, als er trotz schlechterer Bauernstruktur ein Remisangebot von Bodo Schmidt ablehnte. Seine beweglichen Figuren hielten das Spiel jedoch sicher im Gleichgewicht. Schwerstarbeit musste diesmal GM Andrei Volokitin am Spitzenbrett leisten. Gegen den Uzbeken Rustam Kasimdzhanov, der erst vor einigen Monaten seinen Weltmeistertitel verloren hat, stand er am Königsflügel unter starkem Druck und - nach dem Verlust eines wichtigen Zentrumsbauern - am Rand einer Niederlage. Sein aggressiver Turm jagte dem Ex-Weltmeister dann aber den Mehrbauern wieder ab, sodass das Remis unausweichlich war. Vor der ersten Zeitkontrolle endete auch das schwere Turmendspiel von GM Vladimir Chuchelov (gegen den starken IM Jan Michael Sprenger) remis.

Igor Glek3,5:1,5 für SFK, doch ein Sieg lag in weiter Ferne, standen doch die drei restlichen Partien nicht sonderlich gut. IM Georgios Souleidis hatte gegen IM Thomas Jackelen nach guter Eröffnungsbehandlung im Doppelturmendspiel einen Bauern verloren. Trotz tapferer Gegenwehr konnte er später den Verlust nicht vermeiden. In der Zwischenzeit war GM Igor Glek, der gegen IM Dennis Breder im Mittelspiel einen vermutlich spielentscheidenden Vorstoß seines f-Bauern ausgelassen hatte, in Schwierigkeiten geraten, nachdem sein hochmotivierter Gegner ein Remisangebot abgelehnt hatte. Nach dem Verlust seines h-Bauern gab niemand einen Pfifferling mehr für ihn. Doch diesmal war die leidige Zeitnot, die Glek schon so manchen Streich gespielt hat, auf Seiten des Russen. Gleich mehrfach ließ sein Gegner unparierbare Gewinnzüge aus, und nach einem verfehlten Abtausch war die Partie plötzlich remis. 4:3 für SFK!

Erwin l'Ami"Holland in Not" auch in der letzten noch laufenden Partie. GM Erwin L'Ami hatte, im Vertrauen auf ein mächtiges Läuferpaar und starke Zentrumsbauern, frühzeitig die Qualität geopfert, war aber dank der umsichtigen Verteidigung von IM Ferenc Langheinrich nach und nach in Nachteil geraten und schien sich einem gewaltigen Freibauern beugen zu müssen. Doch auch hier heilte die Zeit alle (SFK-)Wunden. Mit nur noch wenigen Sekunden auf der Schachuhr wiederholten die Kontrahenten rasend schnell die Züge und reichten sich schließlich die Hände zur Punkteteilung. 4,5:3,5 für SFK! Selten war die Schachgöttin CAISSA den Katernbergern gnädiger.

Willi Knebel / Bernd Rosen

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